Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Hiob 19,25 Pfarrer Markus Bttner c komp

Sprichwörtlich sind die Hiobsbotschaften geworden. Wer bestürzende Nachrichten erhalten hat, wie eine Diagnose über eine todbringende Erkrankung, die Mitteilung über einen schweren Verkehrsunfall eines nahen Angehörigen oder der Verlust eines geliebten Menschen, der kann von Hiobsbotschaften sprechen. Ganz verschieden gehen Menschen mit solchen extremen Nachrichten um. Hiob, nach dem bestürzende Botschaften benannt sind, hat eine ganze Reihe erschreckender Nachrichten erhalten. Selbst von Krankheit gezeichnet wird ihm berichtet, dass seine Kinder verstorben sind und ihm seine wirtschaftliche Grundlage entzogen ist. Boten übermitteln ihm, dass er durch Kriegs- und Naturkatastrophen seine Viehherden, seine Knechte und schließlich seine Söhne und Töchter verloren hat. Wie nun umgehen mit diesen Nachrichten? Wie umgehen mit dem Leid? Denn das ist die herausfordernde Fragestellung des Hiob, die nicht nur seine, sondern wohl eines jeden Menschen ist. Hiob diskutiert Leid und den Umgang mit diesem Thema weder theoretisch noch philosophisch. Er leidet! Es ist keine Zeit für theoretische Er- und Abwägungen. Vielmehr ist der ganze übrige Abschnitt eine Klage an Gott.

Der leidgeprüfte Hiob ruft Gott entgegen: „Gott hat mir Unrecht getan!“ „Gott hat meinen Weg vermauert!“ – „Gott hat mir mein Ehrenkleid ausgezogen!“ – „Gott hat die Krone von meinem Haupt genommen!“ – „Gott hat mich zer¬brochen!“ „Gott hat meine Hoffnung wie einen Baum aus-gerissen!“ Auch der Glaubende wird von Leid nicht verschont. Leid kann man nicht gegeneinander aufrechnen oder miteinander vergleichen: Wer leidet, der leidet, sei es an einer unheilbaren Erkrankung, sei es an Depressionen, sei es die Angst einen lieben Menschen durch den Tod loslassen zu müssen, sei es…

Mittendrin steht geradezu wie ein Fremdkörper dieses Bekenntnis: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Da stellt sich die Frage: Woher hat Hiob plötzlich diese Gewissheit? Woher kommt diese unvorbereitete Zuversicht und unvermittelte Hoffnung? Sie kann letztlich auch nicht mit menschlicher Weisheit beantwortet werden, sondern nur aus dem Glauben: Als Hiob in seiner tiefsten Verzweiflung steckt, machte Gott ihn zu seinem Propheten und lässt ihn vom Erlöser Jesus Christus weissagen – lange, bevor er Mensch wird.

„Aber ich weiß“, bekennt Hiob in der Kraft des Heiligen Geistes. Das strahlt Zuversicht aus inmitten von Leid und Schmerz. Es ist das Aber des Glaubens. Es ist leidgeprüfter Glaube, der gegen alle Anfechtungen und wider allen Augenschein, Aber sagt. Das kleine Wort – Aber – drückt bei aller ohnmächtigen Verzweiflung und leidvoller Anfechtung hoffnungsvolle Zuversicht und vertrauensvollen Glauben aus. Gerade der, der sich in ähnlicher Lage wie Hiob wähnt, der mit Gott hadert, der sein Leben dunkel empfindet, der sich in den Klagen des Hiobs wiederfindet, der sei auf das Wort – Aber – besonders hingewiesen. Niemand lasse sich dieses Aber des Glaubens nehmen und es abschwächen oder gar für sich selbst nicht gelten lassen. Ich hoffe, sagen sie nur, oder: Ich vermute. Ein Beispiel des Glaubens ist der zutiefst verzweifelte Hiob, der trotz aller Anfechtung bekennt: Aber ich weiß.

Dieses Wissen ist kein abstraktes, sondern Hiob weiß um seinen Erlöser. Dieses Wort – Erlöser – kann auch mit „Rechtsbeistand“ oder „Anwalt“ übersetzt werden. Hierbei geht es nicht um irgendeinen Rechtsbeistand oder irgendeinen Anwalt, sondern um meinen Rechtsbeistand – also um den Anwalt, der sich meiner Rechtssache annimmt. „Erlöser“ bezeichnet aber ebenso eine Person, die den Rechtsfrieden wieder herstellt und eine Sache damit in Ordnung bringt. Das konnte in alten Zeiten zum Beispiel jemand sein, der einen Sklaven freikaufte. Alles das finden wir beim auferstandenen Herrn Jesus Christus wieder. Freigekauft hat er den Sünder aus der Sklaverei der Sünde und hat mit seinem Blut teuer dafür bezahlt.

Und nun lebt der Erlöser wieder und vertritt mich bei seinem himmlischen Vater gegen den großen Ankläger, den Teufel. Christus hat den Rechtsfrieden zwischen Gott und dem Sünder wieder hergestellt, indem er die Strafe für alle Sünde auf sich genommen hat. Dort vor den Toren Jerusalems hat er als das Lamm Gottes sein Leben gelassen, damit er uns von der Sünde loskauft und die Schuld bezahlt. Auch er selbst musste durch Leiden und Tod am Kreuz hindurch, um am Ostermorgen als Sieger von den Toten aufzuerstehen. Weil wir durch die Heilige Taufe mit Christus und seinem Geschick verbunden sind, so werden wir auch teilhaben an der Herrlichkeit, die Gott an den Seinen offenbaren und zeigen wird. Das mag ein Trost sein für den, dem Leid aufgetragen und aufgegeben ist. Wer mit den Augen des Glaubens von Gottes Herrlichkeit und seiner Zukunft her denkt, dessen gegenwärtiges Leiden muss nicht übermächtig werden. Martin Luther hat beim Bibelstudium die herrliche Erkenntnis gewinnen dürfen, dass genau dies gemeint ist, wenn die Bibel von Gottes „Gerechtigkeit“ spricht; das war die Geburtsstunde der Reformation. Es geht dabei nicht um eine Gerechtigkeit, die Gott von den Menschen fordert oder auf die wir bei Gott Anspruch hätten, sondern es geht um diejenige Gerechtigkeit, die Gott uns durch den Erlöser schenkt. „Ich weiß, dass mein Erlöser, mein Rechtsbeistand, mein Heiland, lebt.“ Der Erlöser selbst wird den Seinen eben diese herrliche Zusage geben: Ich lebe und ihr sollt auch leben. (Johannes 14,19) Es ist das Wesen des Glaubens vertrauensvoll einzustimmen in das, was jenseits dessen ist, was hinter dem Horizont zu sehen und zuweilen nur zu erahnen ist. Denn die Herrlichkeit ist Gottes Welt und seine Zukunft. Auf diese Herrlichkeit hofft der Christ, weil er mit Jesus Christus seinem Erlöser durch die Taufe vereinigt ist und sich mit ihm verbunden weiß. Das lässt einstimmen in das Bekenntnis des Hiob: Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
Herzliche Grüße – Ihr Pfarrer Markus Büttner

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